Angst begleitet den Menschen seit Urzeiten.

Ursprünglich von der Natur eingerichtet zur Überlebenssicherung,

garantierten die der Angst zugehörigen physiologischen Vorgänge

die Aktivierung körperlicher Ressourcen für Flucht, Kampf oder Starre.

Zahlreiche für den heutigen modernen Menschen scheinbar ganz

alltägliche Situationen liefern unserem Körper nach wie vor

die „altmodischen“ Signale:

Gefahr! = Aktiviere Flucht- oder Kampfreflex,

schlimmstenfalls erstarre!

Angst ist somit von der Natur vorgesehen und wirkt

wie ein Regulativ.

Erst zuviel (oder natürlich auch zuwenig Angst)

bzw. der Umgang mit der Angst kann zum Problem werden!

 

So schätzen wir mit unserem bewussten Verstand

zahlreiche Situationen als „normal“ ein, die unser

evolutionäres Gedächtnis nach wie vor als gefährlich einstuft.

Nehmen wir beispielsweise das Autofahren.

Für die meisten Menschen ist es völlig normal geworden,

sich mit Tempo 100 und mehr durch die Gegend zu bewegen,

ohne sich wirklich selbst zu bewegen…

Das Auge nimmt zahlreiche „Sensationen“ wahr,

die rasend schnell verarbeitet werden müssen.

So fliegen Bäume auf uns zu, geraten Gegenstände

und Menschen ebenso schnell in unser Blickfeld,

wie sie wieder verschwinden.

Tausende von ursprünglich gefährlich wirkenden Signalen

veranlassen dann gegebenenfalls körperliche

Reaktionen wie Beschleunigung von Puls und Atmung,

Blutdruckerhöhung, Anspannung der Muskulatur usw.,

während wir doch von uns erwarten,

gelassen mit dieser alltäglichen Situation umzugehen…

Flugzeuge oder auch nur Aufzüge, die uns blitzschnell in

schwindelnde Höhen bringen; Menschenmassen, die einen

natürlichen Sicherheitsabstand nicht zulassen;

Filme oder Nachrichten, die uns an Horrorszenarien

unmittelbar teilnehmen lassen…

Die Liste der scheinbar normalen Situationen,

die einen physiologischen Reflex – und damit spürbare Angst –

auslösen können, ist unendlich groß.

Hinzu kommen Angstsituationen, die sich aus

heutigen Gesellschaftsstrukturen ergeben:

 

Der „Überlebenskampf“ wird heutzutage häufig „in Ruhe“

d. h. ohne körperlich nennenswerte Aktivitäten – durch geführt.

Prüfungen, von denen die berufliche Existenz abhängt,

Konkurrenzsituationen, die den Gegner nur indirekt sichtbar

machen, globale Kriegs- und Vernichtungsangst, Umweltzerstörung…

Auch diese Liste ließe sich endlos verlängern.

 

Die im Körper einmal in Gang gesetzten physiologischen

Vorgänge, an denen Hormone wie das den meisten Menschen bekannte

Adrenalin beteiligt sind, erfordern einen Abbau

der frei gesetzten Energie. Eine Notwendigkeit, die der

heutige Mensch nur noch selten beherzigt.

Besonders wenn die physiologische Angstreaktion

nicht mit „Kampf“ oder „Flucht“, also mit Bewegung und

Energieabbau beantwortet wurde, stattdessen jedoch mit

Bewegungslosigkeit bis hin zur Starre,

ist eine folgende Abreaktion notwendig.

Anderweitig würde im Körper eine anhaltende

Stresssituation simuliert, mit permanenten muskulären

Verspannungen, Schwächung des Immunsystems,

Erhöhung des Blutdrucks usw.

 

Bewegungsmangel, das Unvermögen, eine dauerhaft

stressige Situation zu beenden,

das Fehlen erlernter Verarbeitungsstrategien,

eine momentane Situation sozialer Schwächung

(z. B. in einer Trennungssituation, Verlust des Arbeitsplatzes usw.),

oder auch eine Kombination mehrerer unglücklicher

Umstände können bei manchen Menschen somit

zu Ängsten führen, die, betrachtet unter den o. g. Aspekten,

nur scheinbar „angeflogen“ kommen oder grundlos sind.

Darüber hinaus können sich diese Ängste und Befindlichkeitsstörungen

eben auch aus den erwähnten Gründen chronifizieren,

sozusagen in das psychophysische System einnisten.

 

Oftmals reicht schon eine kurzfristige Befindlichkeitsstörung,

wie eine momentan auftretende Kreislaufschwäche oder

eine begrenzte Blutdruckkrise, die in einer, dem bewussten Verstand

ganz normal erscheinenden Situation auftritt,

um einen Kreislauf der Angst in Gang zu setzen.

Gerade, wenn die Vorzeichen, wie oben erwähnt, ohnehin bereits

auf Dauerstress stehen.

 

Diese unseligen Kreisläufe entstehen häufig aus der fehlerhaften

Beantwortung einer Befindlichkeitsstörung und den

sich daraus ergebenden Konsequenzen.

 

Kreislauf der Angst

 

Nehmen wir eine ganz normale Situation der heutigen Zeit:

Der berufliche Pendler Herr X. fährt über die Autobahn nach Hause.

Es ist heiß im Auto, er hat länger nichts getrunken, ist müde.

Und gerät in einen Stau! Herr X. fühlt sich zunehmend unwohl,

er kurbelt das Fenster herunter, verschafft sich Luft –

aber sein Kreislauf will trotzdem nicht so richtig.

Jetzt realisiert Herr X., dass er sich auf einem Teil der Autobahn befindet,

der keinen Seitenstreifen hat. Also keine Möglichkeit, mal eben anzuhalten,

ohne den ganzen Verkehr lahm zu legen.

Herrn X. bricht der Schweiß aus.

Es fällt ihm schwer, sich auf das „Stop and Go“ zu konzentrieren.

Obwohl er sich schwindlig fühlt, möchte er am liebsten davon rennen.

Endlich löst sich der Stau vor ihm auf.

Herr X. gibt Gas, der Fahrtwind durch das geöffnete Fenster belebt ihn etwas.

Noch etwas zittrig, kommt er schließlich zu Hause an.

Zwei Wochen später. Herr X. ist wieder auf dem Heimweg

und sieht von weitem die Warnblinker der Autos vor ihm: Stau!

Herr X. hat eben noch getrunken, ist heute recht ausgeruht,

das Wetter heute ist angenehm.

Und doch: Herrn X. bricht alleine beim Erblicken der Warnleuchten

der Vorfahrenden der Schweiß aus. Mit Mühe kann er dem Impuls ausweichen,

scharf zu bremsen und das Auto in Panik zu verlassen.

Dann erreicht er das Stauende. Herr X. sieht nur noch:

Links stehende Autos, rechts die Auffahrt zu einer anderen Autobahn.

Kein Ausweichen möglich! Herr X. gerät zunehmend in Panik!

Er kennt sich selbst nicht wieder, versucht sich zu beruhigen.

Ohne Erfolg!

In seinem Kopf scheinen die Gedanken zu toben:

„Du wirst hier mitten auf der Autobahn am Steuer zusammen brechen!“

„Vielleicht ist es doch ein Herzinfarkt!“

„Warum guckt der Typ da so in mein Auto?

Wahrscheinlich merkt der, was mit mir los ist!“

Der Körper von Herrn X. signalisiert: Gefahr! Gefahr! Gefahr!

– wie die Warnblinkanlagen der Autos im Stau.

Seine Gedanken bestätigen dies, tun alles dafür,

ihm die Gefährlichkeit der Situation vor Augen zu führen.

Es gibt nur noch Raum für ein einziges Gefühl,

dass ich mit den Gedanken und Körperwahrnehmungen

verabredet zu haben scheint:

ANGST! PANIK!

Die Situation dauert einige Minuten, dann kann Herr X. wieder Gas geben.

Mit letzter Kraft schafft er es nach Hause.

Herr X. geht bald zum Arzt, lässt alle Körperfunktionen überprüfen.

Nichts! Alles in Ordnung!

Obwohl er eigentlich froh sein könnte,

kann Herr X. dies gar nicht glauben. Irgendetwas muss doch mit ihm los sein.

Der nächste Arbeitstag folgt.

Vor der Rückfahrt spürt Herr X. ein mulmiges Gefühl.

Seine Gedanken beschäftigen sich mit jener Stelle auf der Autobahn,

die er passieren muss.

„Das halte ich nicht noch mal aus!“,

sagt eine Stimme in ihm. Und sein zunehmendes Gefühl der Angst,

das Herzklopfen allein beim Denken daran

scheinen den Gedanken zu bestätigen.

Herr X. beschließt, einen Umweg zu fahren über die Landstraße.

Am nächsten Morgen: Herr X. fährt nicht wie gewohnt über

die Autobahn zur Arbeit, er nimmt die zeitaufwendigere Landstraße.

Wochen später: Herr X. ist seit Wochen nicht mehr Autobahn gefahren.

Auch auf bestimmten Abschnitten der Landstraße überkommt

ihn der Gedanke, er könne vielleicht nicht anhalten, „wenn was ist“.

Gefühle der Besorgnis, Angst. Schwindel,

Unkonzentriertheit, Schweißausbrüche.

Nach einem halben Jahr: Herr X. zittert bei dem Gedanken,

sich in sein Auto zu setzen.

Seine Gedanken behaupten: Das schaffst Du nicht mehr!

Seine Gefühle bestätigen dies!

Ebenso die schlotternden Knie, das Herzrasen.

Und – vielleicht – noch einmal eine Zeit später:

Herr X. hat denselben Gedanken, dieselben Gefühle und Körpersensationen,

wenn er in einen Zug oder Aufzug steigen soll.

Wenn er die Wohnung verlassen will…

„Das schaff ich nicht!“

Herr X. hat eine massive Angststörung entwickelt.

 

Kreisläufe der Angst können auch ganz unmerklich entstehen.

Im Grunde könnte man sagen, dass die erste Reaktion auf

eine Befindlichkeitsstörung daher unangemessen war,

weil sie falsch gedeutet oder bewertet wurde.

Oder weil daraus die falschen Rückschlüsse gezogen wurden.

Da diese Fehldeutung als Erfahrung abgespeichert wurde,

beginnt das Unbewusste Beweise für die Richtigkeit der

Einschätzung zu suchen.

Beweise finden sich dann bereits deswegen schnell,

weil eine Erwartenshaltung dazu verleitet, explizit auf

das erwartete Ergebnis zu fokussieren, so dass kein

Raum für andere Erfahrungen bleibt.

Erwartenshaltung ist dann so gut wie identisch mit Erwartensangst.

Erwartensangst wiederum erzeugt körperliche Spannung,

die dann die genannten physiologischen Vorgänge in Gang setzt.

Entsprechende Gedanken gehen mit den Gefühlen

und Körperempfindungen gewissermaßen eine „Fusion“ ein,

aus der es scheinbar kein Entkommen gibt.

Ein Teufelskreis im wahrsten Sinne des Wortes!

 

Doch es gibt Auswege aus der Falle!

 

Wo unselige Kreisläufe entstanden sind, macht es Sinn,

diese Kreisläufe zu unterbrechen!

 

Im obigen Beispiel bieten sich dafür verschiedene Ansätze.

 

So kann die entstandene Annahme:

„Autobahn/Autofahren/aus dem Haus gehen etc. ist auf jeden Fall lebensgefährlich“,

z. B. mit dem bewussten Verstand hinterfragt werden.

Das hilft, die „Fusion“ von Gedanken, Gefühlen und Körperwahrnehmungen

als Fehlermeldung zu entlarven.

 

Hilfreich dabei ist es, dem bewussten Verstand Ressourcen und Erfahrungen

(wieder) verfügbar zu machen, die die ursprünglich gemachte (falsche) Erkenntnis

und daraus resultierende Erwartung hinfällig machen.

Das können früher gemachte Erfahrungen sein, bei denen

es ganz leicht war, Auto zu fahren, aus dem Haus zu gehen etc.

Aber auch das Nutzen von Erlebnissen, in denen Fähigkeiten aus anderen

Lebenszusammenhängen, wie Mut, Humor,

Stärke, entspannt sein etc., eine Rolle spielen, können hilfreich aktiviert werden.

Ausgestattet mit diesen Ressourcen lässt sich der unreflektierte

Versuch „Ich müsste es doch eigentlich schaffen!“ in eine

gut vorbereitete Aktion umwandeln:

„Ich schaffe es!“ „Ich kann es!“

Diese mit neuen Ressourcen ausgestattete Erfahrung lässt sich

In der hypnotherapeutischen Trance erlebbar machen.

Wurde auf diese Weise eine neue positive Erfahrung gemacht

(die in der Regel ja auch an alte Erfahrungen anknüpft),

kann sie durch Wiederholung verstärkt werden und

sich somit verselbständigen.

Der nächste Schritt ist dann das Ausprobieren in der realen Situation,

gegebenenfalls zunächst in Begleitung des Therapeuten.

Nach und nach erschließt sich unser Herr X. so wieder

sein Leben ohne ungewollte Einschränkungen!

 

Der Teufelskreis ist durchbrochen!

 

Das oben erwähnte Verfügbarmachen von Ressourcen

und Fähigkeiten lässt sich besonders gut mit den

vielfältigen Techniken der Hypnosetherapie erarbeiten.

Im Fokus der Therapie steht immer das Ziel,

aus der Vermeidung heraus zu kommen und

gewünschtes Verhalten wieder einzuführen.

Techniken aus der Verhaltenstherapie und

der ACT (Acceptance & Commitment Therapie)

bieten sich hier ebenfalls als Therapien der Wahl an.

 

In der Behandlung der Angststörung wenden wir diese Techniken

in individueller Ausrichtung an.

Der Therapie voraus geht natürlich immer eine gründliche Diagnostik.

Diese hilft auszuschließen, ob andere Ursachen wie z. B.

körperliche Erkrankungen oder in der Lebenssituation und -biografie

begründete Themen Auslöser für eine Angststörung sind, an die der

Behandlungsplan dann individuell angepasst werden kann.